Ralf Otterpohl über Das neue Dorf | NACHBARN

Ralf Otterpohl über Das neue Dorf | NACHBARN

Prof. Dr. Ralf Otterpohl von der TU Hamburg hat mit "Das neue Dorf" ein beachtenswertes Buch über selbstbestimmtes Leben auf dem Land geschrieben. Im Video beschreibt er die Wirkung auf die Nachbarschaft.

Wie ich zu der Idee gekommen bin

Ich bin Siedlungswasserwirtschaftler und habe angefangen, mich der Verbesserung von Wasser zu beschäftigen. Ich habe gemerkt, dass wir Nährstoffe verschwenden, dadurch das wir die Abwassersysteme haben, wo alles das was wir essen letztlich im Wasserkreislauf verloren geht. Ich habe versucht Systeme zu entwickeln, die Humus aufbauen. Wo wir Nährstoffe wieder auf den Boden bringen können und habe dann gemerkt, dass wir insgesamt den Boden verbessern müssen, um eine gute Zukunft zu haben. Und daraus habe ich das Konzept "Das neue Dorf" entwickelt.

Botschaft: Prof. Dr. Ralf Otterpohl

Nachbarschaft

Für mich ist Nachbarschaft Leute zu haben, mit denen ich mich treffen mag. Mit denen ich was zusammen machen kann. Wenn mal jemand anpackt, wenn ich etwas Schweres habe. Wo man Saatgut austauschen kann und vor allen Dingen interessante Gespräche führen.

Was das neue Dorf ist

Das neue Dorf soll eine neue Art von Bauernhof sein, wo nicht mehr nur eine Familie sich auf hundert Hektar abquält, sondern auf hundert Hektar hundert Minifarmen sind. Mit vielleicht 150 bis 200 Leuten, die dann eine interessante Nachbarschaft bilden. Und durch die Vielzahl von Betrieben auch einen gemeinsamen Vertrieb in die Stadt organisieren kann. So dass man gut davon leben kann. Es soll aber auch Teilzeit werden, damit das nicht wieder eine Plackerei wird. Und so soll auch weitere Produktion da sein, Schule, Kultur und vieles mehr.

Auch hier gibt es Bodenzerstörung und Landflucht

Ich habe in einem schrittweisen Prozess zum neuen Dorf gefunden. Ich habe gesehen, dass die Zukunft der Menschheit gefährdet ist - akut durch Bodenzerstörungen. Klimawandel ist letztlich Bodenzerstörung. Die immer schlechtere Nahrung ist etwas, was die Menschen zerstört. Agrochemische Landwirtschaft produziert Nahrung, die den Menschen krank macht. Und ich habe nach Wegen gesucht, das so aufzubauen, dass wir das einfach gut machen und das ist eigentlich sehr einfach. So habe ich dann angefangen zu gucken: Wie kann man im ländlichen Raum die Situation verbessern? Und ich habe in afrikanischen Ländern Projekte gemacht und dann aber irgendwann gemerkt - Moment mal, bei uns läuft es auch nicht! Wir haben hier auch Bodenzerstörung und Landflucht. Ich habe dann angefangen, dieses Konzept auszuweiten auf Mitteleuropa.

Paradiese schaffen!

Eine Minifarm kann ganz unterschiedlich sein. Die kann größer oder kleiner sein. Ich sage immer: Fangt das nicht so groß an! Das ist sonst kaum zu bewältigen. 2000 bis 3000 Quadratmeter reichen völlig aus, um auch vielleicht mit einer drittel oder halben Stelle für zwei Leute so viel zu produzieren, dass man ein gewisses Einkommen hat. Und dann noch zwei drei andere Jobs machen, damit es auch weiter Spaß macht. Also Vielfalt soll entstehen. Und diese Minifarm kann aufgebaut sein als Permakultur-Betrieb - das ist so ein Überbegriff. Aber kombiniert mit Biointensiv-Methode, die eigentlich aus Frankreich stammt, aber in in den USA erforscht wurde (Uni Berkely). Wo man dafür sorgt, dass man auf relativ kleinen Flächen sehr viel Ertrag hat. Auf ökologische Art.

Auch, dass man Pflanzen nebeneinander stellt, die sich unterstützen. Pflanzen sind fantastisch in der Lage sich gegenseitig das zu geben, was der einen fehlt. Aber wenn wir immer nur die gleichen Pflanzen nebeneinander stellen, geht das nicht auf. Und so gibt es da fantastische Methoden und das geht bis hin zu Waldgartensystemen. Bäume die Nahrung bringen. Esskastanien, eine fantastische Nahrungsquelle hochwertigster Nahrung. Wo auch die wichtigsten Spurenelemente aus der Tiefe mit hochgeholt werden - die wir dringend brauchen. Und so kann auch da eine Vielfalt von Modellen sein.

Es gibt nicht ein Modell und es gibt auch nicht eine Art, das neue Dorf zu machen, sondern da sind Menschen kreativ genug, um was zu finden was zu dem Ort passt. Was zu den Menschen passt, was zu dem Bedarf passt, in der Stadt in der Nähe. Und auch, was einfach eine Schönheit rein bringt. Es soll auch eine wunderschöne Landschaft erzeugen. Die heutige, ausgeräumte Agrarlandschaft ist ja katastrophal. Wir haben ein wunderschönes Land, einen wunderschönen Planeten und wir müssen eigentlich nur an das schöne jetzt anknüpfen. Und nicht ausgeräumte Agrarlandschaften haben, sondern da auch wunderschöne Minifarmen machen. Mit Bäumen, mit einer Vielfalt von Pflanzen und auch viele mehrjährige Nahrungspflanzen.

Damit kann man wunderschöne Paradiese schaffen, in denen man selber sehr gut leben kann, Nachbarn hat, die ihre anderen Paradiese machen. Wo man einfach auch lernt, wie man es noch besser machen kann. Das ist alles kein Selbstgänger und man muss da eine ganze Menge auch können und tun.

Und dadurch dann Humus aufbauen. Das war mein erster Ansatzpunkt: Wir müssen Humus aufbauen, damit wir eine gute Zukunft haben. Nur mit Humus haben wir gutes Wasser in Zukunft. Nur mit Humus haben wir gute Nahrung in Zukunft. Und nur mit viel Humus haben wir ein ausgeglichenes Klima, so dass dieser Planet auch angenehm bleibt.

Mir reicht gute Nachbarschaft

Die Nachbarschaft im neuen Dorf soll zwanglos sein. Ich habe mich 30 Jahre mit Ökodörfern beschäftigt, mit Gemeinschaften, war zum Teil auch selber Gründer von versuchten Gemeinschaften. War bei einer Gemeinschaft auch lange dabei - ein bisschen von außerhalb. Und ich habe gelernt, diese enge Gemeinschaft mit vielen Menschen funktioniert eigentlich ganz selten. Aus meiner Sicht ist es gar nicht so erstrebenswert. Mir reicht gute Nachbarschaft. Also einfach, aber genug Nachbarn haben. Deshalb sollte so ein neues Dorf auch mindestens 150 Leute haben. Vielleicht maximal 300. So, dass man eine Auswahl von Menschen hat.

Wir sind sehr verschieden und haben sehr verschiedene Interessen. Und bei einem Thema habe ich dann eben den anderen Nachbarn, der dann auch auf der anderen Seite wohnt. Wo ich mich dann treffe. Und wenn ich eine Theatergruppe machen will oder eine Musikgruppe, dann kommen dann fünf andere zusammen. Und so soll es einen Vielfalt geben... Das Wichtige ist, finde ich, dass jede einzelne Minifarm oder jedes Haus für sich auch einen geschützten Raum bietet, aus denen heraus man agieren und mit anderen interagieren kann.

Das neue Dorf als Entwicklungsraum

Die Entwicklung in einem neuen Dorf stelle ich mir so vor, dass die Menschen die so etwas machen erst mal ein Stück wacher sind als andere. Die sich mit mehr Dingen beschäftigt haben. Die vielfältiger denken. Die auch Erfahrungen vermitteln können. Die so ein bisschen über dieses Ego-Spiel hinaus sind. Hoffentlich nicht so viele Menschen, die ihr Leben mit Statusorientierung verschwenden. Wir brauchen eine Seinsorientierung in einem neuen Dorf. Auch das ist lernbar und wir sind da alle irgendwo auch ambivalent. Aber es soll eine Umgebung entstehen, dass durch viele Anregungen Menschen angeregt werden ihr persönliches Wachstum immer weiter zu treiben. Mit anderen zusammen sich zu entwickeln und anderen helfen, sich zu entwickeln. Und damit einfach das Potenzial von uns Menschen aufgeht.

Wir können so viel mehr und es ist so viel mehr möglich. Ich entdecke jetzt erst so viele Dinge, die einfach noch möglich sind. Obwohl ich schon viel in der Welt unterwegs war und viele tolle Leute getroffen habe. Es geht immer noch weiter und das neue Dorf soll so eine Art Entwicklungsraum sein, wo ganz viel entstehen kann.

Es braucht Lust, etwas Neues zu gestalten

Das neue Dorf soll letztlich die Gesellschaft verändern. Einerseits dadurch, dass die Zerstörung der Böden beendet wird. Weil wir jetzt mit den Böden kooperativ arbeiten. Weil der Druck von den Städten weggenommen wird. Wenn immer mehr Leute in die Städte gehen, wird es immer noch schlimmer. Es ist ein Hauen und Stechen. Die Mieten sind so hoch, dass man sein Leben eigentlich schon dafür aufwenden muss, irgendeinen doofen Job zu machen, um seine Miete zu bezahlen. Und dann? Käfighaltung und dafür seine ganze Lebenskraft aufwenden? Das finde ich zunehmend absurd. Der gesellschaftliche Ansatz ist eigentlich, diese überbordende Urbanisierung umzukehren.

Es wird in Fachkreisen, in der Stadtplanung und auch in internationalen Organisationen ganz selbstverständlich immer noch davon ausgegangen, dass diese Urbanisierung immer weiter geht. Man spricht davon, dass 2030 70 Prozent der Menschen in Städten leben. Und ich habe einfach irgendwann gedacht: Was soll das? Das ist doch sinnlos! Sollen dann hinterher 100 Prozent da sein und alle verhungern, weil sich niemand mehr um das Land kümmert? Und dann habe ich jetzt mit vielen Menschen darüber gesprochen, die auch fachlich den Hintergrund haben. Und ganz viele dieser Menschen sagen: Nein, es ist eigentlich viel besser. Wir sollten 70 Prozent auf dem Land haben und vielleicht 30 Prozent in den Städten. Das würde die Gesellschaft wahnsinnig zum Positiven verändern. Weil wir dieses Konkurrenzdenken, Spekulation und dergleichen einfach mal hinter uns lassen können. Wir könnten entspannt miteinander leben, weil wir Raum haben. Weil wir selber was machen können.

Wenn ich einen Humus habe, wo alle Spurenelemente drinnen sind, dann kann sich auch das Gehirn entwickeln. Ich kann mich spirituell entwickeln. Wenn ich Zahnpasta habe, die kein Fluorid mehr hat, kann ich einfach auch die Zirbeldrüse frei haben und mit der spirituellen Entwicklung weitermachen. Und das ist so vielschichtig und eigentlich ist das alles vorhanden, aber wir Menschen, die wir so vereinzelt in der Stadt leben, Nachbarn oft nicht mal kennen, sind da so ein bisschen in die Irre geführt. Und die die Lust haben was Neues zu gestalten, eine tolle Zukunft zu kreieren, sollen einfach mitmachen. Sollen solche Projekte machen. Es muss nicht nur das neue Dorf in der Form sein.

Einfach Möglichkeiten finden, ein tolles Leben aufzubauen. Auch in der Stadt. Urban Gardening ist so eine tolle Bewegung. Da kann man einsteigen. Oder auch sich einen kleinen Betrieb selber aufbauen. Es gibt so viele Möglichkeiten und das tolle ist, dass wir über das Internet gucken können, was die Menschen in anderen Teilen der Welt machen. In den USA gibt es eine riesige Bewegung in Richtung Market Gardeners. Das heißt, das sind kleine Gartenbaubetriebe die genauso wirtschaften, das leider aber vereinzelt machen. Die sind dann meistens isoliert und machen nur das oft. Und das ist auch wieder ein bisschen so eine Falle, denn das ist dann auch wieder was, was die Menschen überfordert.

Und so können wir viele Wege finden. Und ich meine, wir sollten uns zusammen tun mit genug Leuten, dass wir uns ein interessantes Umfeld schaffen, uns beruflich so aufbauen und vielleicht drei vier verschiedene Sachen machen, die uns alle Spaß machen, aber unterschiedliche Bereiche sind. Einmal was Körperliches, einmal am Schreibtisch sitzen, dann vielleicht Heilarbeit oder Musikkultur - was auch immer. Das wir damit wirklich auch Perspektiven aufbauen für Menschen die jetzt jung sind und die sich orientieren. Und die ganz oft nicht mehr in diese Mühle wollen.

Interessante Leute mit gemeinsamen Interessen

Ideale Nachbarschaft habe ich schon ein Stück weit gefunden. Ich baue mir gerade selber, mit meiner Partnerin, ein Permakulturgelände auf. Und dort ist eine sehr interessante Nachbarschaft. also da ist das was ich mir als neues Dorf vorstelle sowieso schon entstanden. Und in der Gegend sind ganz viele interessante Leute, mit denen ich viele gemeinsame Interessen habe. Es gibt Leute die auch interessante Ansätze im Gartenbau machen, neue Dinge entwickeln. Es gibt Menschen, die sich mit Saatgutzüchtungen beschäftigen. Es gibt Menschen, die auch gerne auf der Elbe segeln. Wir haben dann Boote unten liegen und gehen auch mal gemeinsam segeln.

Wenn ich morgens nach dem Aufstehen erst mal eine Stunde mein Gelände mit der Sense bearbeite, damit das Gras nicht Überhand nimmt, und dann schwitze, gehe ich runter zum Schwimmen. Da treffe ich meistens schon Nachbarn, die das auch so machen. Vielleicht nicht gesenst haben, aber auch schwimmen gehen. Da hat man schon mal ein kleines Gespräch da und das macht richtig Spaß. Und das ist etwas, was eigentlich das Normale sein sollte. Und das ist doch so selten zu finden.

Es ist nicht mehr viel Zeit!

Aus meiner Sicht sind wir am Scheideweg... Es gilt, sich zu entscheiden, ob wir eine gute Zukunft für alle Menschen, Tiere und Wesenheiten aufbauen oder weiter in den Untergang gehen wollen.

Macht mit: Baut was auf, auf Eure Art, vom Kopf und vom Herzen - und tut es! Es ist nicht mehr viel Zeit. Wir treffen uns.

Und hier geht es zur Webseite von Das neue Dorf.

Hier zum Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der TUHH.
Und zu dem Projekt RUVIVAL.

Aktion: So kannst du unverpackt einkaufenDu hast Lust bekommen, dich nach einer gemeinschaftlichen Wohnform umzusehen? Bei der Aktion "Hallo Nachbar*in" kannst du dich inspirieren lassen und deine Recherche organisieren.

Zur Aktion: Hallo Nachbar*in

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